Fragen an Dr. Daniela Kelm

Nationale Steuerpolitik

Frau Dr. Kelm, die Facharbeit des IDW zur Steuerpolitik hat viele Facetten. Ein Schwerpunkt ist sicherlich das deutsche Unternehmenssteuerrecht. Welche Positionen vertritt das IDW?

„Das Optionsmodell verringert die Unterschiede bei den Unternehmenssteuern zwischen Personen- und Kapitalgesellschaften“ Daniela Kelm

Das IDW setzt sich für eine nachhaltige Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Deutschland ein. Dazu gehört auch eine solide Unternehmensbesteuerung, damit Deutschland auch langfristig wettbewerbsfähig bleibt. Deshalb haben wir Vorschläge zur Modernisierung des Unternehmenssteuerrechts erarbeitet.
Wir schlagen u. a. vor, den Forschungsstandort Deutschland steuerlich zu fördern und damit Anreize zu schaffen, geistiges Eigentum (intellectual property, kurz IP) dauerhaft in Deutschland anzusiedeln. Wir wollen außerdem die bestehenden Unterschiede bei den Unternehmenssteuern zwischen Personen- und Kapitalgesellschaften verringern, und haben hierzu einen möglichen Weg aufgezeigt: das „Optionsmodell“. Die Idee ist, dass sich Personengesellschaften auf Antrag wie Körperschaften besteuern lassen können, ohne zivilrechtlich die Rechtsform wechseln zu müssen. Betroffen sind aber nur die Ertragsteuern, nicht etwa die Erbschaftsteuer. Die politische Diskussion dieser und weiterer Reformideen begleiten wir aktiv und konstruktiv. Zudem öffnet sich bekanntlich die Schere zwischen den gesetzlich festgeschriebenen Zinssätzen für die Berechnung der Rückstellungen und die Verzinsung von Steueransprüchen einerseits und den tatsächlich erzielbaren Zinsen andererseits immer weiter. Das belastet überwiegend die Steuerpflichtigen und nicht den Fiskus. Es bedarf daher dringend einer Anpassung der Abzinsungssätze bei Pensionsrückstellungen und bei sonstigen Rückstellungen sowie einer Absenkung des Zinssatzes bei der Vollverzinsung von Steuern von 6% p.a. auf ein marktgerechtes Niveau.
Fragen an Dr. Daniela Kelm

Internationales Steuerrecht

Begleitet das IDW auch die großen steuerrechtlichen Weichenstellungen auf internationaler Ebene?
Die Anpassung des Steuersystems an eine „digitalisierte Welt“ wird sowohl auf der Ebene der EU als auch bei den G20 und der OECD (Organisation for Economic Co-Operation and Development) intensiv diskutiert. Wir setzen uns konstruktiv für international abgestimmte Konzepte ein und lehnen nationale Alleingänge grundsätzlich ab, wie z. B. bei der Digitalsteuer. Bei den vorliegenden Vorschlägen der EU-Kommission zur Digitalsteuer kommt hinzu, dass diese äußerst negativ auf die Exportnation Deutschland „zurückschlagen“ können. Hiervor warnen wir. In die Diskussionen bei der OECD zur künftigen internationalen Verteilung der Besteuerungsrechte bringen wir uns durch Stellungnahmen und Mitwirken an Anhörungen ein. Aus unserer Sicht muss die Verteilung von Besteuerungsrechten auf eine konzeptionell solide Grundlage gestellt werden, damit Doppelbesteuerungen vermieden werden.
Fragen an Dr. Daniela Kelm

Einbeziehung externer Dienstleister

Verlassen wir die Steuern und kommen zu anderen rechtlichen Themen: Bei der Einbeziehung externer Dienstleister muss der Wirtschaftsprüfer bestimmte Vorgaben beachten. Wie ist die aktuelle Situation?
In erster Linie geht es darum, dass der Wirtschaftsprüfer den externen Dienstleister sorgfältig auswählt und ihn zur Verschwiegenheit verpflichtet. Das sieht das Gesetz zur Neuregelung des Schutzes von Geheimnissen bei der Mitwirkung Dritter an der Berufsausübung schweigepflichtiger Personen seit 2017 so vor. Zu den Neuerungen hat das IDW eine Hilfestellung erarbeitet und veröffentlicht. Außerdem wurden Musterklauseln, die für den Vertrag mit dem externen Dienstleister genutzt werden können, zur Verfügung gestellt. Wichtig war uns, Rechtssicherheit und Praktikabilität für den Berufsalltag zu vereinen.
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Wirtschaftsprüferordnung

Das IDW hat Reformvorschläge zur Wirtschaftsprüferordnung erarbeitet. Welche Verbesserungen wollen Sie für die WP erreichen?
Bei unseren Änderungsvorschlägen geht es um die Anpassung des Berufsbilds an aktuelle Entwicklungen wie die Digitalisierung, um Nachwuchsgewinnung und technische Klarstellungen.
„IT-bezogene Tätigkeiten gehören zum Leistungsspektrum des Wirtschaftsprüfers“ Daniela Kelm

So möchten wir z. B. das Berufsbild dahingehend erweitern, dass auch IT-bezogene Tätigkeiten zum Leistungsspektrum des Wirtschaftsprüfers gehören.
Mit Blick auf die Nachwuchsgewinnung sprechen wir uns nach der erreichten Modularisierung des WP-Examens einschließlich fairer Übergangslösung für eine weitere Flexibilisierung beim Ablegen der Module aus: Dies sollte zum Teil schon vor Ende der erforderlichen Praxiszeit möglich sein. Unseren Vorschlag für den Syndikus-Wirtschaftsprüfer, der von der WPK geteilt wird, verfolgen wir in dem Zusammenhang weiter. Bei den klarstellenden Änderungen geht es uns um Themen wie Aufbewahrungsfristen, Fristen für die Verfolgung von Berufspflichtverletzungen, Verbesserungen des Zeugnisverweigerungsrechts und des Beschlagnahmeschutzes. Bei Letzterem streben wir Änderungen der Strafprozessordnung an. Die Steuerberater haben sich unseren diesbezüglichen Forderungen offiziell angeschlossen. Darüber hinaus haben wir aktuelle Entwicklungen in anderen Bereichen im Auge, die unmittelbar oder mittelbar auf das Berufsrecht der WP ausstrahlen. Ich denke z. B. an die Pläne zu einem Unternehmenssanktionsrecht, wie sie im Koalitionsvertrag angekündigt waren. Hierzu haben wir im März 2019 ein Hochschullehrergespräch mit Strafrechtsexperten durchgeführt, um fundiert den Gesetzgebungsprozess begleiten und auf etwaige Auswirkungen auf den Berufsstand hinweisen zu können. Wir werden darauf hinwirken, dass den WP bei internen Untersuchungen (internal investigations) beim Mandanten dieselben (Zeugnisverweigerungs-) Rechte zustehen wie den Rechtsanwälten.
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EU-Datenschutz-Grundverordnung

EU-weit ist die Datenschutz-Grundverordnung ein beherrschendes Thema, so auch bei den Wirtschaftsprüfern. Mit welchen Mitteln hat das IDW die WP auf die DSGVO vorbereitet?
Das IDW hat einen Fragen-und-Antworten-Katalog entwickelt, der den Wirtschaftsprüfern bei datenschutzrechtlichen Fragen, die in der täglichen Praxis sowohl in ihrer Praxisorganisation als auch bei ihren Mandanten aufkommen können, helfen soll. Um auf dem neuesten Stand der Entwicklungen zu sein, nimmt das IDW auch an Veranstaltungen des Bundesinnen- und Bundeswirtschaftsministeriums teil, bei denen Spezialfragen, die auch die Wirtschafsprüfer betreffen, behandelt werden. Der Fragen-und-Antworten-Katalog wird derzeit aktualisiert. Außerdem haben wir ein Muster für die neue Datenschutzerklärung erarbeitet und unseren Mitgliedern zur Verfügung gestellt. Im Fachausschuss Recht haben wir die zum alten BDSG erarbeiteten Hinweise, inwiefern der Abschlussprüfer Daten des Mandanten bzw. Dritter verarbeiten darf, an die neue Rechtslage angepasst.
Fragen an Dr. Daniela Kelm

Auswahlverfahren von Abschlussprüfern

Ein IDW Positionspapier beschreibt Möglichkeiten der praktischen Ausgestaltung des Auswahlverfahrens von Abschlussprüfern gem. Art. 16 EU-VO zur Abschlussprüfung. Was ist hier neu?
Die EU-Verordnung stellt an das Verfahren zur Auswahl des Abschlussprüfers detaillierte Anforderungen. Das Positionspapier erläutert diese Anforderungen. Dabei wurden in der zweiten Auflage aktuelle Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Verfahren zur Auswahl des Abschlussprüfers bei Versicherungsunternehmen berücksichtigt. Nach Auffassung des Finanzausschusses des Bundestages gilt das nach Art. 16 Abs. 3 der EU-Verordnung vorgeschriebene Auswahlverfahren auch für Versicherungsunternehmen, wenn die Prüferbestellung nicht auf einer Anordnung der BaFin beruht.
Fragen an Dr. Daniela Kelm

Qualitätsmanagement-Prozess

Auf internationaler Ebene werden die Standards zur Qualitätssicherung bzw. zum Qualitätsmanagement in Wirtschaftsprüferpraxen und für Prüfungsaufträge grundlegend überarbeitet. Gibt es bei der Qualitätssicherung Weiterentwicklungen auf nationaler Ebene?
„Der IDW Praxishinweis 1/2018 zeigt die Ausgestaltung des Qualitätsmanagement-Prozesses auf.“
Daniela Kelm

Die Fortentwicklung der Qualitätssicherung hin zu einem an Qualitätszielen ausgerichteten Qualitätsmanagement auf internationaler Ebene war maßgeblich vom IDW angestoßen worden. Ein zentrales Prinzip hierbei ist das proaktive Management der aus der Unternehmensstrategie abgeleiteten Qualitätsziele und Qualitätsrisiken der WP-Praxis. Wir versprechen uns hiervon nicht zuletzt mehr Spielraum für die Praxen, bei der Qualitätssicherung verhältnismäßig vorzugehen.
Eine solche Möglichkeit der Skalierung wird von unseren Mitgliedern zu Recht eingefordert. Dieser Qualitätsmanagementansatz ist schon im IDW QS 1 angelegt. Leider müssen wir feststellen, dass die Umsetzung dieses richtigen Gedankens dem IAASB offenbar große konzeptionelle Probleme bereitet, weshalb das IDW sehr kritisch zu dem Entwurf des International Standard on Quality Management 1, ISQM 1, Stellung genommen hat. Wir haben uns gegen die Vorgabe von zu vielen detaillierten Qualitätszielen ausgesprochen, die in der Praxis zu einer Vielzahl von Maßnahmen unabhängig von tatsächlichen Qualitätsrisiken führen. Dies würde den Quality Management Approach konterkarieren. Mit dem IDW Praxishinweis 1/2018 haben wir aufgezeigt, wie WP-Praxen bei der Ausgestaltung ihres Qualitätsmanagement-Prozesses passende Audit Quality Indikatoren (AQI) konsistent und in Übereinstimmung mit den Qualitätszielen der WP-Praxis entwickeln können. Die in der Anlage zum IDW Praxishinweis 1/2018 beschriebenen Qualitätsziele, Qualitätsrisiken, Qualitätsfaktoren und beispielhaften AQI können ein Ausgangspunkt für die zielorientierte Ableitung maßgeschneiderter AQI einer WP-Praxis darstellen. Sie können dabei unterstützen, qualitätsgefährdende Risiken und Schwachstellen im Qualitätssicherungssystem frühzeitig zu erkennen und korrektive Maßnahmen einzuleiten.
Fragen an Dr. Daniela Kelm

EU-Abschlussprüferreform heute

Seit Inkrafttreten der Regelungen der EU-Abschlussprüferreform und der Umsetzung von Vorgaben in nationales Recht sind nunmehr einige Jahre vergangen. Inwieweit ist hier weiterhin eine Unterstützung des Berufsstands durch das IDW erforderlich?

„Die EU-Abschlussprüferreform hat die Komplexität erhöht“
Daniela Kelm



Die Komplexität der Regelungen der EU-Verordnung in Verbindung mit der Abschlussprüferrichtlinie und den nationalen Umsetzungsvorschriften ist beachtlich. In den betroffenen Unternehmen sowie Prüfungsgesellschaften sind daher umfangreiche Überwachungssysteme notwendig, um den Anforderungen der EU-Regulierung etwa in Bezug auf die Erbringung von Nichtprüfungsleistungen durch den Abschlussprüfer gerecht zu werden. Stichworte sind z. B. „Blacklist“ und „Honorar-Cap“. In den entsprechenden Fachgremien entwickeln wir tragfähige Lösungen und richten regelmäßig Stakeholder-Meetings aus, die einen Austausch hierüber insbesondere zwischen dem Berufsstand, Vertretern der Aufsicht und betroffenen Unternehmen ermöglichen. Die fortschreitende Meinungsbildung zu Zweifelsfragen – nicht zuletzt die Verlautbarungen der APAS – erfordern eine laufende Überprüfung unserer Positionspapiere zur EU-Regulierung. Wir ergänzen neue Fragen und setzen uns insbesondere mit den Auffassungen der APAS, der Regulatoren anderer Mitgliedsstaaten sowie dem Ausschuss der Europäischen Aufsichtsstellen für Abschlussprüfer (CEAOB) auseinander. Das IDW Positionspapier zu Inhalten und Zweifelsfragen der EU-Verordnung und der Abschlussprüferrichtlinie ist im Mai 2018 bereits in vierter Auflage erschienen. Wesentliche Änderungen betreffen die Fragen, welche Folgen das Ende der PIE-Eigenschaft nach sich zieht, wann die Höchstlaufzeit beginnt, wenn ein Unternehmen unterjährig PIE wird, sowie Fragen zu Angaben im Bestätigungsvermerk und zur Berichtspflicht gegenüber den für die Beaufsichtigung von PIE zuständigen Behörden. Das IDW Positionspapier zu Nichtprüfungsleistungen des Abschlussprüfers wurde im November 2018 ebenfalls in vierter Auflage veröffentlicht, um den Berufsstand z. B. im Hinblick auf die Grundsätze für die Berechnung des Honorar-Caps und die hierzu erschienenen Papiere der APAS und des CEAOB auf dem Laufenden zu halten.